5. Teil:
"Das Mädel isch der Wahnsinn", sagt der Prinz
"Na ja, im übertragenen Sinne. Die steht auch für irgendwas, ohne
dass man genau weiß, wofür. Marcus könnte natürlich keine Werbung für
Kindernahrung machen, aber für andere Sachen. Autos und so weiter."
Als der Prinz die Flügeltür seines Rennwagens aufklappen lässt,
zuckt Pamela Anderson zusammen, als hätte man auf sie geschossen. Die
beiden drehen eine kurze Runde durch Monte Carlo, und obwohl man keine
Wolken sieht, fängt es plötzlich an zu regnen. Sie flieht mit
zerzausten Haaren vor den Kameras mit den aufgesetzten Ringblitzen in
den bereitstehenden Rolls-Royce, der sie zur nächsten Station des
Rennens bringen soll, an den Gardasee.
"Wie lange fahren wir?", fragt sie einen ihrer Manager.
"Vier Stunden", sagt er.
"Vier Stunden? Wo bringt ihr mich hin?", flüstert sie, als würde sie entführt.
Im Film "Borat" erscheint Pamela Anderson einem kasachischen
Reporter in ihrem roten "Baywatch"-Badeanzug wie die Göttin der
westlichen Welt. Wie die Erlösung. Borat, der Reporter, folgt ihr quer
durch Amerika und versucht sie am Ende in einen Sack zu stecken und zu
entführen. Prinz Marcus scheint gerade denselben Fehler zu begehen. Nur
ist er kein Kasache, er ist ein Rotlichtkönig aus Pforzheim, er nimmt
den Rolls.
Am Abend sagt Pamela Anderson ein paar Sätze auf einem kurzen roten
Teppich. Europa sei sehr interessant für sie. Sie bekomme hier jede
Menge Unterstützung für Peta. Ihre Fernsehserie laufe jetzt an. Und der
Prinz? Oh, der Prinz ist sehr nett. Ein guter Fahrer. Sie haben sich
noch nie in L. A. getroffen, vielleicht jetzt mal. Vielleicht. Nein,
nein, sie sei gern hier. 50 000 Dollar für eine Runde in einem schicken
Auto, das sei doch kein schlechter Deal, was?
"Wer war denn das eben?", fragt ein italienischer Reporter
Als eine Reporterin im Gedränge stolpert, springt Pamela Anderson
zurück und bricht die Interviews ab. Es gibt noch ein Gruppenfoto mit
Marcus, Fips, Robert Geiss und deren Frauen, dann verschwindet Pamela
Anderson im VIP-Bereich des Strandclubs.
Prinz Marcus erklärt vor den zurückgebliebenen Kameras, dass Pamela
Anderson ganz bestimmt keine Affäre mit Michael Jackson habe.
"Wer war denn das eben?", fragt ein italienischer Reporter.
Es gibt ein vegetarisches Buffet, zum ersten und einzigen Mal auf
der Reise, und der Prinz erzählt dem Peta-Chef Dan Mathews, dass er
dessen Buch gelesen habe, was ziemlich unwahrscheinlich ist, dem
Peta-Chef aber sehr gefällt. Mathews erzählt, wie Pamela Anderson zur
Tierschützerin wurde, nachdem sie als Kind beobachten musste, wie ihr
Vater ein Reh schlachtete. Prinz Marcus erzählt nicht, dass er in
Kitzbühel gern im dicken Nerz auftrat. Damit ist jetzt auch Schluss, in
seinem neuen Leben als Wohltäter.
Um Mitternacht hat ein Fahrer Geburtstag, der DJ singt "Happy
Birthday", und auch Pamela gratuliert, man erwartet, dass sie jetzt
geht, aber sie bleibt. Sie trinkt Champagner, unterhält sich angeregt
mit dem Prinzen, lacht, und einmal berührt sie ihn am Rücken, es sieht
beinahe zärtlich aus.
Als der Prinz aufs Klo muss, tanzt er fast, so glücklich ist er
In diesem Moment kann man sich vorstellen, dass es doch etwas wird
mit den beiden. Eine "Pretty Woman"-Geschichte, mit umgekehrten
Vorzeichen, die Nixe und der Zuhälter. Die Hochzeitsfeier würde auf
irgendeiner Insel mit unfassbar vielen Quadratmetern stattfinden, eine
Party mit weißen Pferden und Bentley, bewacht von der Schweizer Garde
unter der Leitung von Sandy Oschinger. Das Kleid wäre von Versace, das
Lied von Elton John und die Torte aus Tofu. Eine Traumhochzeit von zwei
gelangweilten Menschen, die gegen ihr Wesen anrennen und gegen die
Zeit. Die die Öffentlichkeit scheuen und suchen, alles gleichzeitig.
Man könnte eine ewige Doku-Soap drehen, mit Hostessen und
Schönheitsoperationen und heimlichem Fleischessen und Gerüchten und
Pelzvideos, die im Internet kursieren. Ein ewiger Tanz ums Nichts. Wenn
man Pamela Anderson eine Affäre mit Michael Jackson zutraut, warum dann
keine mit Prinz Marcus aus Pforzheim. Den beiden kann eigentlich gar
nichts mehr schaden.
Als der Prinz aufs Klo muss, tanzt er fast, so glücklich ist er.
"Das Mädel isch der Wahnsinn", sagt er.
Um drei geht Pamela Anderson ins Bett, allein. Der Prinz macht noch
ein bisschen weiter, im Morgengrauen steuert er seinen 670 PS starken
Wagen im Glücksrausch um den Hotelpool, der vor dem schwarzen Gardasee
leuchtet, erzählt jemand. Wenig später checkt Pamela Anderson aus. Es
ist 8.20 Uhr, und "so sah sie auch aus", sagt Sandy Oschinger, der
ehemalige Feldjäger, der sie zum Flughafen nach Verona bringt, wo der
Privatjet wartet.
Als Prinz Marcus sich Stunden später aus dem Bett schält, sitzt
Pamela Anderson im Flugzeug nach Los Angeles. Er schaut in den Spiegel.
Sie hat ihn an die Wand geworfen, aber es ist nichts passiert. Er ist
immer noch ein Frosch. Er bürzelt sich die Haare an den Seiten nach
oben, bis seine Frisur wirkt wie eine Krone. Am Pool sieht man noch die
Reifenspuren der Hoffnung.